"Gorch Fock" zurück nach stürmischer Heimreise

Das Segelschulschiff der Marine beendet die 165. Auslandsausbildungsreise 

Sturm im Atlantik

Am Freitag, den 19. Dezember 2014, wird das Segelschulschiff "Gorch Fock" mit seiner 217-köpfigen Besatzung um 10:00 Uhr im Heimathafen Kiel zurück erwartet.

Im Rahmen der zurückliegenden 165. Auslandsausbildungsreise (AAR) haben in drei Törns insgesamt 260 Offizier- und Sanitätsoffizieranwärter und -anwärterinnen der Crew VII/2014 ihre seemännische Basisausbildung an Bord des Dreimasters absolviert.

Unter dem Kommando von Fregattenkapitän Nils Brandt (48) hatte die "Gorch Fock" am 1. September 2014 den Heimathafen Kiel verlassen und zunächst mit einer Gruppe von Sanitätsoffizieranwärtern einen kurzen Törn in die Ostsee mit Station in Visby auf der schwedischen Insel Gotland unternommen.

Für den ersten Crewtausch kehrte das Schiff nach Kiel zurück, wo die Kadetten des zweiten Törns ihre Segelvorausbildung erfuhren. Am 2. Oktober 2014 verließ die "Gorch Fock" mit Kurs Nordsee und Atlantik abermals Kiel. Nach einem Hafenaufenthalt im französischen La Rochelle endete der zweite Törn im südspanischen Malaga. Dort erfolgte der letzte Crewtausch und nach abermaliger Segelvorausbildung für die dritte Gruppe der Kadetten ging es am 18. November 2014 wieder auf die Heimreise. Nach einem weiteren Hafenaufenthalt in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon findet diese mit dem Einlaufen in Kiel ihren Abschluss.

Insgesamt etwas mehr als 6.500 Seemeilen hat die "Gorch Fock" während der 165. AAR zurückgelegt, was rund 12.000 Kilometern entspricht. Etwa 62% der Strecke konnten gesegelt werden. Während insbesondere der zweite Törn mit widrigen Windrichtungen zu kämpfen hatte, brachte im dritten Törn ein Orkantief zwar viel Wind und groben Seegang mit sich, ermöglichte aber auch Spitzengeschwindigkeiten von 14 bis 16 Knoten unter Segeln.

Zur Begrüßung des Schiffes werden neben vielen Angehörigen und Freunden auch der "Patenonkel" der Besatzung, der Präsident des schleswig-holsteinischen Landtages, Klaus Schlie, der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel, Dr. Ulf Kämpfer, sowie der Kommandeur der Marineschule Mürwik, Flottillenadmiral Carsten Stawitzki, erwartet.

Die nächste AAR wirft ihre Schatten voraus. Vom 16. April bis 22. Mai 2015 wird die Bark mit Stationen im norwegischen Bergen, im schottischen Edinburgh sowie in Hamburg unterwegs sein. Eine Gruppe Unteroffizieranwärter wird dann an Bord die seemännische Fachausbildung absolvieren.

Quelle Text: PIZ Marine

Weitere Fotos stürmischer Fahrten der "Gorch Fock".
Alle Fotos: Besatzung Gorch Fock

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Vor vierzig Jahren

Am 19.11.1972 wurde ich an Bord der "Gorch Fock" als Mitglied des Stammpersonals 21 Jahre alt und damit nach damaligem Recht volljährig. Warum mein Volljährigkeitsgeburtstag ohne Kaffee und Kuchen und ohne Feier verlief, lässt sich folgender, wörtlich abgeschriebener Schilderung des damals diensthabenden Wachoffiziers (einem OLt., Name mir leider nicht mehr erinnerlich) entnehmen:

Nächtliche Sturmfahrt im Atlantik

SSS "Gorch Fock" bewährt sich bei Windstärke 12

Cork/Irland 26.11.1972

Noch beeindruckt vom Besuch der 3000 Jahre alten spanischen Hafenstadt Cadiz begibt sich die Besatzung des Segelschulschiffes "Gorch Fock" unter ihrem Kommandanten Kapitän zur See von Stackelberg am 13.11. auf die Reise von den sonnigen Breiten Spaniens hinaus auf den Atlantik. 

Es gilt, innerhalb von zehn Tagen den Hafen Cork in Südirland zu erreichen, von dem aus – nach einem viertägigen Aufenthalt – die Heimreise angetreten werden soll.

Am 19.11. vormittags – das Segelschulschiff befindet sich rund 60 sm südlich der irischen Küste – veranlassen ständig steigende Windstärken den Kommandanten, Ober- und Bramsegel und bald darauf noch weitere Segel bergen zu lassen! Kräftige Regenschauer bringen starke Sichtverschlechterungen, und zum ersten Mal wird der Wind in einer heulenden Boe mit einer Stärke von Beaufort 12 gemessen. In der aufgepeitschten See und mit weiter ansteigender Windstärke müssen nun alle restlichen Segel bis auf die beiden Untermarsen, zwei widerstandsfähige "Sturmsegel" geborgen werden.

Stürmische FahrtDie ersten Brecher steigen auf das tiefer liegende Mitteldeck und setzen es mit einem solchen Schwall unter Wasser, daß die Männer Mühe haben, sich an den rechtzeitig gespannten Strecktauen gegen die Fluten an Deck zu halten. Der Wind behält jetzt über fünf Stunden volle Stärke 11 bei, wobei in dicht aufeinander folgenden Schauerböen laufend Windstärken gemessen werden, die den Windmesser seine Endlage erreichen lassen, ohne daß die wahre Stärke dabei abgelesen werden kann. Das Segelbergen, Brassen und die Vorbereitungen für ein Beidrehen haben wegen starken Rollens des Schiffes und überkommender See einige Verletzungen zur Folge, die jedoch glücklicherweise alle harmloser Natur sind.

Am Nachmittag liegt das Schiff mit den inzwischen ebenfalls geborgenen Untermarsen unter kleinster Sturmbesegelung beigedreht in der aufgewühlten See, in der es sich jedoch hervorragend ruhig verhält und dabei langsam nach Lee driftet. So kann der Bordarzt in ungestörter Arbeit die Verletzten versorgen. Besonders hervorgehoben werden müssen hier sowohl der Lehrgang als auch die Stammbesatzung des Schiffes, die an Deck und in der Takelage während dieser schweren Stunden ausnahmslos vorbildlichen Einsatz zeigten. So gehen zum Festmachen der Segel freiwillig aus Freude am Einsatz doppelt so viele Männer auf die Rahen als eigentlich erforderlich sind. Als Dank der Schiffsführung wird für diesen selbstlosen Einsatz in alter Tradition für die ganze Besatzung an Oberdeck mit einem wärmenden Schluck Rum ein "Besan-Schot-an" durchgeführt.

Am Abend entschließt sich der Kommandant – der, genau wie der Erste Offizier, bereits über 30 Stunden Brücke und Kartenhaus nicht verlassen hat – den Marsch trotz Windstärke 11 unter Sturmbesegelung erneut fortzusetzen. Um Mitternacht frischt jedoch der Wind wieder bis zu 12 Stärken auf, Wellenhöhen von 9 - 10 Metern werden beobachtet. Kurz nacheinander fliegt in einer Böe ein Sturmsegel aus den Lieken, und es bricht die Schot eines weiteren Segels. Meterlange Funken blitzen durch die stockdunkle Nacht, hervorgerufen durch das Aufeinanderschlagen von gebrochenen Schoten und Schäkeln an die Stahltrossen der Brassen. Erneut werden alle Segel geborgen und das Schiff so beigedreht, daß es mit 2,5 kn in Richtung des Zielhafens parallel zur irischen Südküste driftet.
Jetzt endlich können der Besatzung einige Stunden Ruhe gegönnt werden. Nachdem die nächtlichen Schäden behoben sind, werden frühmorgens trotz Windstärke 10 erneut die Segel gesetzt.

Am Vormittag kommt endlich die irische Südküste in Sicht, und am frühen Nachmittag ist dann das Feuerschiff erreicht, das dem Schiff den Weg zum schützenden Hafen Cork zeigt. Hier wird sich die Besatzung von dieser einmaligen Sturmreise erholen und alle Mühen werden mit Hilfe irischer Gastfreundschaft bald vergessen sein. Und natürlich freut sich nun jeder doppelt auf die Heimreise nach Deutschland, die am 8.12. in Kiel beendet sein wird.

Ein Bericht von Hermann Dünkel, ehemaliges Mitglied der Stammbesatzung SSS "Gorch Fock"